Runter- und Raufseilen

Beim Kajaksport bewegt man sich bekanntlich nicht immer in offenen, flachen Gegenden, denn dort ist ja auch der Fluß wenig steil. Im Gegenteil, oft sind wir in Schluchten unterwegs und klettern – manchmal mit dem Boot auf der Schulter – am exponierten Fels herum. Ab und an gibt es Situationen, bei denen man aber einfach mit Klettern nicht mehr weiterkommt, und sich abseilen muss.

Wohlgemerkt kann dies aber nicht nur in den tiefsten Schluchten notwendig sein; gerne zitiert wird an dieser Stelle immer ein hypothetischer Klemmunfall vor einem Brückenpfeiler auf einem Fließgewässer, bei dem man möglichst schnell helfen möchte.

In diesem kleinen Beitrag fasse ich ein paar Anhaltspunkte zusammen wie man mit dem Seil irgendwo herunterkommt, und notfalls später auch wieder rauf.

Runter

Was brauchen wir um mittels einem Seil eine Wand herunterzukommen?

Zunächst einmal das Seil selbst. Dieses sollte für entsprechende Belastungen ausgelegt sein. Dazu zählt einmal die Zug(Reiß)festigkeit des Seils, andererseits die Wärmebelastbarkeit für die Abwärme von evtl verwendeten Bremsgeräten wie z.B. Abseilachtern oder Halbmastwurfknoten. Diese können ganz schön heiß werden und ein ungeeignetes Seil durchschmelzen. Je nach Situation möchte man am Seilende einen Knoten haben oder auch nicht: geht es danach ins Bodenlose oder bin ich mir nicht ganz ganz sicher, festen Boden unter die Füße zu bekommen, kann mir ein Knoten die Knochen retten. Geht es allerdings in die Strömung, ist es unter Umständen besser, einen glatten Seilauslauf zu haben, damit man nicht am Seil gefangen sein kann.

Als nächstes muss das Seil irgendwo verankert werden. Dazu eignen sich diverse Haken (Festigkeit prüfen!), Brückengeländer, Klemmkeile, Sanduhren im Fels, Felsköpfe, Bäume (Wurzeln und Stammdicke prüfen!), usw. Hilfreich sind hier oft Bandschlingen unterschiedlicher Länge. Bandschlingen können theoretisch auch als Klemmkeilersatz verwendet werden, indem man einen Knoten bindet und diesen in einem Riß verkeilt. Diese Technik ist aber nicht Idiotensicher und sollte, genauso wie das Klemmkeile legen und der Standplatzbau im Fels, geübt bzw in einem Kletterkurs erlernt werden. Ansonsten solltest du noch beachten, dass evtl verwendete Karabiner nicht über Felskanten laufen und sich nicht selbsttätig öffnen können.

Verwendet man Wurfäcke zum Abseilen und hat vor in eine der Schlaufen einzuklinken, emfiehlt es sich deren Knoten vorher genau zu prüfen.

Seile direkt durch Bandschlingen laufen lassen ist heikel und sollte nur beim Abseilen am Doppelstrang gemacht werden wenn die Bandschlinge zurückgelassen wird. Dabei ist darauf zu achten dass das Seil während dem Abseilen nicht durchrutschen darf (wie zB beim Ablassen!), sonst schmilzt u.U. die Bandschlinge durch.

Generell gilt: verwende eine einfache, übersichtliche, sichere Verankerung.

Schlußendlich muss man sich selbst am Seil befestigen. Dazu gibt es wie immer mehrere Möglichkeiten:

  • Klettergurt und Schraubkarabiner bzw ins Seil einbinden
  • improvisierter Abseilgurt mittels Bandschlinge
  • gar nicht (Dülfersitz, siehe unten)

Wie improvisiert man schnell und zuverlässig einen Gurt? Das ist gar nicht so schwer, zumindest für Abseilzwecke beim Kajakfahren. Man nimmt eine ausreichend abgelängte Bandschlinge und hält sie sich von hinten an den Rücken. Jetzt eine Schlaufe zwischen den Beinen durch nach vorne ziehen, und den Rest der Bandschlinge von der Seite nach vorne. Nun sollte man vor sich 3 Schlaufen in der Hand haben, und von der Bandschlinge am Rücken und unter den Beinen umfasst sein.

In diese 3 Schlaufen wird nun ein Schraubkarabiner eingehängt. Wichtig: aus dieser Hilfskonstruktion fällt man raus wenn man umkippt. Deshalb entweder mit dem Brustgurt der Schwimmweste kombinieren (in den Karabiner mit einklinken) oder mittels achterförmiger Schlinge noch einen Brustgurt bauen und diesen mit einhängen. Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, hänge nie nie nie noch irgendetwas anderes (zB ein Boot an einer Schnur) direkt in diesen Karabiner ein. Falls du es loswerden willst, musst du deinen Gurt öffnen, was unter Zug unmöglich sein kann bzw sehr gefährlich.

Anmerkung: nur in die Schwimmweste oder einen Brustgurt einbinden ist keine Option. Es besteht nicht nur die Gefahr des Herausrutschens, sondern das Hängen im Brustgurt alleine führt schon nach wenigen Sekunden zu starken Schmerzen und dann zum orthostatischen Schock (Hängetrauma). Dabei kommt es bereits nach kurzer Zeit zu ernsten Kreislaufschäden und schließlich zum Tod.

Wie komme ich jetzt runter?

  1. Ablassen. D.h. deine PartnerIn hat alles unter Kontrolle und du hast die Hände frei. Dazu bindest du dich fest ins Seil ein. Das Seil läuft dafür oben am Ankerpunkt durch ein Bremsgerät und wird von deiner PartnerIn ausgegeben oder eingeholt. Am einfachsten kann man hierzu einen Halbmastwurf verwenden.
  2. Abseilen am Einfachstrang. Seil oben festmachen. Die Abseilende macht sich mittels Halbmastwurf oder Abseilachter ans Seil. Beim Abseilen darauf achten, dass Halbmastwurf oder Achter nur funktionieren wenn man die Hände unterhalb davon am Seil hat (Reibung). Konzentrieren und los gehts.
  3. Abseilen am Doppelstrang. Notwendig wenn man das Seil von unten abziehen (also mitnehmen) möchte. Darauf achten dass beide Seilstränge gleich lang sind. Seilenden zur Sicherheit verknoten (siehe oben!). Abseilgerät (Achter) in beide Seilstränge einlegen. Beim Doppelstrang-Abseilen mit Abseilachter kann man übrigens den Abseilenden von unten fixieren (also auch sichern) in dem man an beiden Seilsträngen zieht. Probier das mal vorsichtig aus.

Als weitere Behelfsmässige Technik gibt es den Dülfersitz.

Quelle: Wikipedia – Dülfersitz

Der Dülfersitz funktioniert nur mittels Reibung des Seils am Körper. Mit Neoprenbekleidung geht das ganz gut und auch weitgehend schmerzfrei. Schwierig wird es, wenn man beim Abseilen frei hängt; aber um ein Stück in steilem Gelände zurückzulegen kann der Dülfersitz eine gute Lösung sein.

Abschließend ist vielleicht noch zu sagen, dass man in der Kletterschulung heutzutage lernt, sich beim Abseilen noch mittels einer Prusikschlinge zu sichern, sollte man aus versehen das Seil loslassen. Diese Technik ist absolut zu empfehlen. Wie das geht lernt man in einem Kletterkurs, oder mittels z.B. Google. Beim Klettergurt macht man eine kurze Prusikschlinge an der Beinschlaufe fest, und schiebt diese beim Abseilen mit der Hand mit. Wichtig ist dass sie kurz genug ist, um nicht ins Abseilgerät zu rutschen.
Sollte kein Achter oder Schraubkarabiner vorhanden sein, aber genügend Normalkarabiner, hilft vielleicht diese Technik weiter.

…und wieder rauf!

Wie kommt man mit einem Seil nach oben?

Im einfachsten Fall bist du ganz alleine irgendwo unten und hast zugkräftige Freunde oben stehen. Dann empfiehlt sich das Gegenteil vom oben beschriebenen Ablassen. Solltest du sehr schwer sein, oder viel Ballast bei dir haben, können deine Freunde auch einen Flaschenzug aufbauen. In beiden Situationen kann das Seil jeweils mit einem Prusikknoten hintersichert werden, um ein Nachrutschen zu vermeiden.

Ganz selten kann es aber unumgänglich sein, alleine an einem Seil aufzusteigen. Das geht wieder mittels eines Klettergurtes und Prusikschlingen, bzw. Steigklemmen.

Ein oder zwei Steigklemmen – minimalistisch, wie ein Petzl Tibloc, oder ausgereifte Jumar-Geräte – können einem das Leben in so einer Situation viel einfacher machen. Ansonsten bleibt nur der Prusik- oder vielleicht besser der FB-Bandklemmknoten. Egal mit welchem der Knoten braucht man jedenfalls zwei ca 150cm lange Schlaufen, die man dann abwechselnd am Seilstrang nach oben schiebt. Konkret verwendest du eine der Schlingen, um dich am Seil zu sichern. Die andere ist deine Trittschlaufe. Jetzt abwechselnd: in die Trittschlaufe steigen und Sicherungsprusik hochschieben; Trittschlaufe hochschieben.
Das Überwinden von Geländekanten kann mit dieser Technik schwierig sein. Glücklicherweise schneidet sich das Seil im Fels im Gegensatz zum Schnee nicht ein – da würde dann nur noch die Münchhausentechnik helfen.

Minimalausstattung?

Was man also mindestens braucht ist ein (Wurfsack-)Seil. Mit 1 Bandschlinge und Schraubkarabiner kannst du dir einen Gurt bauen. Um eine Verankerung, Gurt, und Aufsteigen abdecken zu können brauchst du 4 Bandschlingen und 2 Schraubkarabiner, bzw 2 Bandschlingen und 2 Prusikschlingen. Falls mal was nicht klappt hat, solltest du noch dein Messer griffbereit haben.

Abschluß

Sicherlich wusstest du schon viel von dem, was hier erzählt wurde. Aber vielleicht war für den ein oder anderen ein Denkanstoss dabei. Oder dir ist aufgefallen, dass du das alles schon viel zu lange nicht mehr geübt hast. Auch wenn Panikmache völlig fehlangebracht ist, dürfen wir nicht vergessen dass beim Kajakfahren oft entweder keine Zeit für professionelle Rettung ist, oder auch einfach keine qualifizierten Retter zur Verfügung stehen. Ebenfallls bewegen wir uns auch bei leichterem Wildwasser immer wieder in Gegenden, wo derartige Techniken notwendig sein können um Beispielsweise eine Umtragestelle zu meistern. Also, viel Spass beim Abseilen!

Hinterlasse eine Antwort